Manche Erwachsene sprechen nur ungern darüber:
„Allein schlafe ich viel schlechter ein.“
„Wenn jemand in der Nähe ist, werde ich schneller ruhig.“
„Eigentlich müsste ich das doch allein können.“
Gerade der letzte Satz macht unnötig Druck. Erwachsen zu sein bedeutet nicht, dass man keinerlei Nähe mehr braucht.
Selbstberuhigung und die beruhigende Wirkung anderer Menschen sind kein Gegensatz. Wir können beides können und beides brauchen.
Menschen schlafen seit jeher auch gemeinsam
In vielen Kulturen und über große Teile der Menschheitsgeschichte war gemeinsames Schlafen normal. Familien und Gemeinschaften teilten Schlafräume aus ganz unterschiedlichen praktischen und sozialen Gründen. Der Anthropologe James McKenna hat sich unter anderem mit kulturellen Formen des gemeinsamen Schlafens beschäftigt.

Daraus folgt aber nicht, dass Menschen biologisch unfähig wären, allein zu schlafen. Viele tun das gern und problemlos. Andere fühlen sich in der Nähe eines Partners, eines Familienmitglieds oder sogar eines Haustiers ruhiger.
Beides kann normal sein.
Co-Regulation und Selbstregulation
Selbstregulation bedeutet vereinfacht: Du findest eigene Wege, mit Anspannung, Gefühlen oder Unruhe umzugehen. Co-Regulation beschreibt, dass auch der Kontakt mit anderen Menschen dabei helfen kann – etwa durch eine vertraute Stimme, Berührung oder einfach die Anwesenheit einer Person, bei der du dich wohlfühlst.

Diese beiden Fähigkeiten schließen sich nicht aus. Jemand kann gut allein zurechtkommen und trotzdem in einer schwierigen Nacht gern jemanden in der Nähe haben.
Auch unsere Texte darüber, ob Schlaf-Apps manchmal einsamer machen und darüber, was eine Stimme im Dunkeln tragen kann, beschäftigen sich mit diesem Unterschied zwischen Technik, eigener Regulation und dem Gefühl von Begleitung.
Warum Nähe nachts guttun kann
Nachts ist es stiller, und wenn man ohnehin angespannt oder traurig ist, kann Alleinsein stärker auffallen. Dann kann eine vertraute Person im Raum beruhigend wirken – nicht wegen eines uralten „Wächterprogramms“, sondern weil vertraute Nähe für viele Menschen angenehm ist.

Das heißt auch: Wenn dir Alleinschlafen schwerfällt, musst du daraus keine Erklärung über deine Reife oder deinen Charakter machen.
Gleichzeitig lohnt es sich hinzuschauen, wenn die Angst vor dem Alleinsein sehr stark wird, dein Leben einschränkt oder du ohne eine bestimmte Person überhaupt nicht mehr schlafen kannst. Dann kann es hilfreich sein, mit einer therapeutischen Fachperson darüber zu sprechen und gemeinsam herauszufinden, was hinter der Angst steckt.
Nähe zu brauchen ist kein Rückschritt
Du musst dir nicht beweisen, dass du jede schwierige Nacht völlig allein bewältigen kannst.
Vielleicht hilft dir ein Gespräch vor dem Schlafengehen. Vielleicht eine Hand auf deiner Schulter. Vielleicht eine ruhige Stimme. Vielleicht schläfst du lieber allein. Es gibt keine einzige Form, die „erwachsener“ ist als die andere.
Wenn du nachts häufig aufwachst, findest du hier mehr dazu: Aufwachen um 3 Uhr nachts. Und wenn Einsamkeit am Abend das größere Thema ist, findest du hier unseren Text über Einsamkeit nach Sonnenuntergang.
Der hilfreiche Gedanke ist kleiner als die alte Behauptung „Menschen waren nie fürs Alleinschlafen gemacht“: Wir sind soziale Wesen, und Nähe kann uns guttun. Trotzdem können wir auch lernen, uns selbst zu beruhigen.
Häufig gestellte Fragen
Ist es normal, dass ich als Erwachsener nicht gern allein einschlafe?
Ja. Manche Menschen schlafen in der Nähe anderer ruhiger, andere lieber allein. Das sagt zunächst nichts über Reife oder Selbstständigkeit aus. Wenn die Angst vor dem Alleinschlafen allerdings sehr stark ist oder deinen Alltag einschränkt, kann eine therapeutische Fachperson helfen, genauer hinzuschauen.
Was ist der Unterschied zwischen Co-Regulation und Selbstregulation?
Selbstregulation meint eigene Wege, mit Anspannung und Gefühlen umzugehen. Co-Regulation beschreibt die beruhigende Wirkung, die Kontakt mit anderen Menschen haben kann. Beides ergänzt sich. Ein erwachsener Mensch kann sich selbst beruhigen und trotzdem von Nähe, einer Stimme oder Berührung profitieren.
Ist Selbstberuhigung ein Mythos?
Nein. Menschen können lernen, sich selbst zu beruhigen. Problematisch ist eher die Vorstellung, ein erwachsener Mensch dürfe dafür niemals andere brauchen. Selbstständigkeit und Nähe schließen sich nicht aus.



